Dr. Kai-Michael Sprenger
"Sigrid Nienstedt -  Stille Landschaften ...und andere Ambivalenzen"

Dem romantischen Klischee einer Landschaftsmalerin entspricht sie sicher nicht. Während manche ihrer Kolleginnen und Kollegen in lebendiger Tradition der Schule von Barbizon auch heute noch mit Staffelei und Palette ins Freie ziehen, um in der unmittelbaren Ansicht ihres Motivs reale Natur- und Stadtlandschaften vor Ort auf die Leinwand zu bannen, sind die Landschaftsbilder Sigrid Nienstedts das Ergebnis eines anders gelagerten künstlerischen Prozesses.

Zwar mag die individuell erlebte Begegnung mit den spezifischen landschaftlichen Schönheiten einer Region während einer Reise auch für Sigrid Nienstedt den Beginn einer späteren bildnerischen Umsetzung markieren, doch ist diese persönliche Inaugenscheinnahme für sie keinesfalls eine Notwendigkeit, um sich auf jenes Genre einzulassen, dem neben Tierbildern ihr Hauptaugenmerk gilt. Im Gegenteil: Wo manch ein Maler sich seine Inspiration zunächst noch mühsam erwandern muss, kann bei Nienstedt der Impuls für ein Bild durchaus von einem Reiseprospekt oder dem weiten Feld der Reiseliteratur ausgehen, welche die 1961 in Hamburg geborene Malerin mithin als ihre Lieblingslektüre bezeichnet. Die Landschaftsbilder Nienstedts entstehen dezidiert „indoors“, und dies im durchaus doppelten Wortsinne: im Atelier und – gleichsam als mentales Foto oder Echo einer Landschaft – im Kopf der Künstlerin, der es erst aus der sicheren Distanz gelingt, jenes Abbild der Natur künstlerisch zu ihren Landschaftsbildern zu formen, die dann mit der realen Welt nicht mehr viel gemein haben.

Diesen Prozess bezeichnet die Künstlerin selbst als „Aufräumen der Wirklichkeit“. Einerseits geschieht dies aus Respekt, aber auch aus Sorge um das Wesen der Natur, die sich in der direkten Begegnung „outdoors“ – lediglich durch eine Staffelei zwischen Malerin und Motiv auf Distanz gehalten – womöglich doch gegen die Perspektive der Künstlerin durchsetzen und dann zu sehr in einem Abbild münden könnte. Dies, so erklärt es die Künstlerin mit eigenen Worten, stünde aber ihrer grundsätzlichen Überzeugung entgegen, dass sich die wahre Natur gerade nicht abbilden lässt. Andererseits liegt diesem „Aufräumen der Wirklichkeit“ eine Reduktion auf etwas Wesentliches zu Grunde, das jenseits jeglicher erlebter Naturerfahrung liegt und dem Betrachter einen perspektivischen Schlüssel zum Verständnis der Landschaftsbilder Nienstedts weist. Trotz ihrer modernen Bildsprache steht Sigrid Nienstedt hier zumindest partiell in jener Tradition der Landschaftsmalerei, die seit der Romantik die Natur zunehmend nicht mehr als Gegenstand, sondern als Projektionsfläche definierte. Durch sie ließen sich die subjektiven, geistigen und emotionalen Prozesse des Künstlers entwickeln und festhalten, die beim Betrachter eine ähnliche Stimmung evozieren sollten. Seit dem 18. Jahrhundert, dann aber vor allem in der Malerei der Romantik, mündete diese neue Auffassung in idealisierte Landschaftsbilder, die – zunächst noch in naturrealistischen Farben gehalten – von allen vermeintlich störenden architektonischen oder natürlichen Details des ursprünglichen Motivs bereinigt den Blick für ein gefühltes Arkadien öffnen sollten. Mit Caspar David Friedrich, dezidierter aber noch mit William Turner, erfuhr diese emotionale Qualität der Landschaftsmalerei durch eine gezielt unnatürlich anmutende Farbgebung schließlich noch eine Steigerung. Nicht mehr das Ideal einer Landschaft an sich, sondern die Farbe der Landschaft wurde hier gleichsam zur Metapher und zugleich zum Instrument, um das subjektive Empfinden des Künstlers zum Ausdruck zu bringen und suggestiv auf den inneren Dialog zwischen Maler, Bild und Betrachter abzuzielen. Diese romantischen Bildtraditionen lässt auch Sigrid Nienstedt in ihren Landschaftsbildern immer wieder anklingen, sei es in der Komposition und im typischen Bildaufbau mit Vordergrund, Mittelgrund und Ferne, sei es in der Metaphorik der Farben als Botschafter einer individuellen Stimmung und Seelenzustandes. Insbesondere zu William Turner scheint sie eine besondere künstlerische Nähe zu empfinden, dem sie im Jahre 2003 sogar ein eigenes Bild gewidmet hat, in dem Himmel, Meer und Küste in einem changierenden roten Farbenzauber miteinander zu verschmelzen scheinen, ganz ähnlich, wie es der große englische Romantiker etwa in seinen Meerbildern, wenngleich in verhalteneren Farben, auf die Leinwand gezaubert hat.

Es ist vor allem dieses emotionale Moment einer irreal wirkenden Farbgebung, das Nienstedt mit Turner verbindet und den Betrachter schnell verstehen lässt, dass es Nienstedt nicht um ein Abbild der Landschaft geht, sondern um die gefühlte Qualität einer Landschaft bzw. einer Farbe, kurz: um die Verbildlichung des Unsichtbaren. Aber Sigrid Nienstedt geht noch weiter als Turner es einst mutig wagte. Ihre Landschaftsbilder zeichnen sich durch eine fast als vehement zu bezeichnende Farbintensität aus, die in ihrer unnatürlich wirkenden, aber überaus starken Präsenz gelegentlich mit der plakativ grellen Farbgestaltung unserer omnipräsenten Werbewelt verglichen worden ist. Doch plakativ und werbegrell ist Nienstedts Farbgebung keinesfalls. Im Gegenteil: Ohne jemals farblich überfrachtet zu wirken, bestimmen zumeist nur wenige, wenngleich durchaus kräftige Farben die oft flächige Binnenstruktur ihrer Bilder. Insbesondere wenn größere Wasserläufe die Landschaft durchziehen bzw. begrenzen, gelingt es Nienstedt in fast charakteristischer Manier, durch die Farbspiegelungen etwa des Himmels oder der Landschaft auf der Oberfläche des Wassers einen bestimmten, vorherrschenden Farbeindruck noch zu potenzieren und hierdurch im Einzelfall eine nahezu monochrome Farbwirkung ihrer Bilder zu erzielen, besonders eindrucksvoll etwa in dem Bild „Aller“ (2009) oder, wenngleich etwas weniger raumgreifend, in dem Bild „Norwegen“ (2007). Nicht zuletzt sind es diese ruhigen, spiegelnden Wasseroberflächen – und eben nicht die tosende See – ,die gleichsam als Pendant zum Himmel oder zur Landschaft den Bildern Nienstedts eine zumindest auf den ersten Blick harmonisch ruhige, ja fast subtil-meditative Wirkung verleihen.

In dieser stillen Poesie liegt indessen noch eine weitere, für Nienstedt typische, ja fast schon psychologische Qualität ihrer Bilder, die je nach individueller Disposition des Betrachters allerdings sehr unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Reinhold Messner hat einmal formuliert: „Unverfälschte Landschaften, so unnütz sie vordergründig sein mögen, erlauben eindeutige Erfahrungen“. Wenn dem tatsächlich so ist, müssten dann die künstlerisch variierten Landschaften Sigrid Nienstedts mit ihrer Farbgebung fern jeglicher realen Naturerfahrung im Umkehrschluss den Betrachter nicht mit einer wenig eindeutigen Erfahrung konfrontieren? Niemand hat die Aller in Wirklichkeit jemals so glühend rot gesehen, keine Gracht in Holland verschmilzt je zu einer derart warmen, gold-gelben monochromen Fläche mit dem Himmel wie in Nienstedts gleichnamigem Bild von 2006, und kein Wald am Rande eines norwegischen Fjords spiegelt sich tatsächlich so harmonisch in einem solch pastell-zarten Türkis als farbgewordene Antwort und Einheit mit dem eiskalten Wasser zu seinen Füßen. Mit ihren stillen Landschaften bietet Sigrid Nienstedt dem Betrachter ohne Zweifel mehrere Optionen, diese poetischen Bildräume mit individuellen Emotionen und Reflexionen zu füllen. So kann die harmonische Idylle bisweilen auch trügen, das Geheimnisvoll-Mystische geradezu umschlagen in eine bedrohliche Stille und jene gefühlte Ambivalenz zutage treten lassen, die gleichermaßen als ein Charakteristikum in Sigrid Nienstedts Landschaftsbildern gelten darf.

Dieses polarisierende und den Betrachter verunsichernde Moment scheint insbesondere in jenen Bildern auf, in denen der Mensch nur indirekt, geheimnisvoll-verborgen präsent erscheint – etwa durch Lichtpunkte der 
in der Nacht erleuchteten Fenster der großstädtischen Metropolen, durch unbefahrene Straßen oder verlassene Boote am Ufer des Flusses – , ohne je in Person die Bildbühne Nienstedts zu betreten. Es sind diese gezielt positionierten Reminiszenzen unserer Zivilisation, die der Natur und der Landschaft in den Bildern Nienstedts ihre Grenzen setzen und ihnen bisweilen ihre mystisch-geheimnisvoll anmutende Qualität verleihen, zugleich aber auch ihre Distanz, der etwas Unnahbares, Unheimliches anhaftet und ein Eintauchen in die stillen, poetischen und farbstarken Landschaften Nienstedts eben auch zu einer ambivalenten emotionalen Erfahrung werden lassen kann.

Vorwort Katalog "Perspektive Landschaft , Aktuelle Positionen der 
Landschaftsmalerei" 2009